Contributed by Sachar Kriwoj
Fussball aus zwei anderen Perspektiven
Die Weltmeisterschaft 2010 ist Geschichte, und wieder einmal hat Deutschland nicht den Titel, wenn auch weltweit viele Sympathien, gewonnen. Mit diesem Blog starten Amir Kassaei und ich eine andere, neue Geschichte: Wir sind 2 von 80 Millionen Deutschen, die Fußball lieben. In diesem Blog werden wir das tun, was alle Fußball-Fans tun: Wir werden Fußball analysieren, ihn auseinandernehmen und zusammenfügen, mit Sicherheit auch mal streiten. Am Ende, wann auch immer dieses kommen wird, werden wir sagen: Wir sind Weltmeister. Das ist die Mission, das muss das Ziel sein. Denn damit fing bei mir alles an.
Es war 1990. Ich war zehn Jahre alt und hatte bis dahin nicht so recht mitbekommen, dass es so etwas wie einen professionell organisierten Spielbetrieb gibt. Ich kickte auf dem Hof mit meinen Freunden – das war für mich Fußball. Dann kam der 10. Juni 1990 und veränderte mein Leben: Irgendwie, es kam sonst so gut wie gar nicht vor, schaute man uns bei uns daheim Fußball, und Deutschland siegte im seinem ersten WM-Vorrundenspiel gegen Jugoslawien 4:1. Die Nationalmannschaft um Klinsmann, Brehme und Reuter begeisterte mich. Und: Es war das beste Spiel von Lothar Matthäus in seiner ganzen Karriere. Er steuerte nicht nur zwei Tore zum Sieg bei, seine Aktionen glichen denen eines Dirigenten. Wir kennen das Ende: Deutschland wurde Weltmeister. Bislang zum letzten Mal.
Seitdem habe ich so gut wie kein Länderspiel verpasst, die Bundesliga passioniert verfolgt, mir Banales gemerkt (etwa die Bundesliga-Torschützenkönige seit 1990) und mich permanent über Transfer-Gerüchte informiert. Ich liebe Fußball. Fußball ist ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens. Wie vielen Deutsche ist mir die Nationalmannschaft heilig. Umso dramatischer ist es für mich, dass wir seit 1990 nie wieder Weltmeister wurden. Stets gehören wir zu den Favoriten, stets bleiben wir auf der Strecke.
Man kann viele Gründe dafür anführen – etwa, dass mit Berti Vogts lange ein Trainer die Verantwortung für die wichtigste Mannschaft der Nation trug, der keinen einzigen Trend mitbekam. Oder dass die Jugendarbeit in Deutschland jahrelang vernachlässigt wurde. Oder aber dass Spieler zu lange einfach nur "funktionieren" mussten. Seit 1996, als Deutschland Europameister wurde, ist Vogts’ Ausspruch „Das Team ist der Star“ ein viel zitiertes Credo. Dabei zeigt es nur eins auf: Unsere Mannschaft ist gut, aber wir verfügen über keine exponierten Akteure und Spielerpersönlichkeiten. Ein System, in dem viele gleich sind und niemand über- oder untergeordnet ist, kann nur dann funktionieren, wenn jeder gleichermaßen intrinsisch motiviert und in höchstem Maße diszipliniert ist. Doch kommt das selten vor – nicht nur im Fußball sondern auch in der Wirtschaft sowie in der Politik. Deswegen gibt es Geschäftsführer, Parteivorsitzende oder Kapitäne.
Frankreich dominierte um die Jahrtausendwende den Fußball. Natürlich weil man eine großartige Mannschaft und den genialen Zidane hatte. Vor allem aber weil Laurent Blanc sie anführte und keine Eitelkeiten zuließ. Oder Spanien jetzt: Man gewinnt erst Titel, seitdem mit Xavi ein Akteur auf dem Platz steht, der nicht nur einer der besten Mittelfeldspieler aller Zeiten sondern vor allem der unumstrittene Häuptling dieser Mannschaft ist. Spanien hat zwei Trainer – einer steht auf dem Platz. Genau so ein Spieler fehlt uns. Und das nicht erst seit Ballacks Verletzung kurz vor der Weltmeisterschaft. Sondern seit 1990 – als Lothar Matthäus das Turnier seines Lebens spielte und die Mannschaft ihm blind folgte.
Matthäus wurde 1990 Weltfußballer des Jahres. 1991 erneut. Seitdem wurde keinem deutschen Spieler diese Ehre zuteil. Weder Matthias noch Matthias Sammer noch Oliver Kahn und auch nicht Michael Ballack. Als Deutschland 1996 Europameister wurde, war Sammer der Chef auf dem Platz, und er hätte mit Sicherheit in die riesigen Fußstapfen von Matthäus treten können, wäre seine Karriere nicht von Verletzungen gezeichnet gewesen.
Fußball ist ein Mannschaftssport. Und am Ende gewinnt das Team, das im Verbund am besten funktioniert. Am besten funktioniert es aber dann, wenn einer die Initiative ergreift und seine Kameraden anweist, sie aufrichtet und lobt. Ein großer Spieler muss nicht immer im Zentrum stehen. Er muss auch wissen, wann es nicht so gut läuft, so dass man Anderen das Feld überlässt. Lothar Matthäus hätte im WM-Finale 1990 gegen Argentinien den Straf-Elfmeter schießen sollen – und tat es nicht. Angeblich weil er mit neuen Schuhen spielte und sich nicht sicher fühlte. Andreas Brehme übernahm - und traf. Deutschland war Weltmeister. War Matthäus ein Feigling? Mitnichten. Lothar Matthäus in der Form der Weltmeisterschaft 1990 war der beste deutsche Spieler, den ich jemals gesehen habe.
Langsam schwinden meine Zweifel, dass wir noch lange auf einen Titel warten müssen. Ja, wir haben bei dieser WM den mit Abstand besten Fußball gespielt. Aber: Uns fehlte der Leader, der General, der Chef. Klinsmann und Löw sahen (und sehen?) in Ballack einen solchen – ich nicht. Ballack war bei der WM 2006 im perfekten Fußball-Alter (um die 30). Und doch ist es ihm damals nicht gelungen, die Mannschaft zu führen. Es gab nur einen Chef: Klinsmann. Ob der damalige Bundestrainer aufgrund seiner aggressiven Rhetorik selbst Schuld an dieser Tatsache hat, bleibt der Theorie überlassen. 2012, spätestens 2014, könnte Bastian Schweinsteiger zu Matthäus’ Erben aufsteigen. Bei dieser WM war er der mit Abstand beste deutsche Feldspieler. Und auch wenn Lahm die Kapitänsbinde trug, war Schweini der „emotionale Leader“ (O-Ton Löw). 2014 wird Schweinsteiger 29 Jahre alt sein – wie Matthäus 1990. Schon jetzt ist er erfahrener als Matthäus 1990. 28, 29 und 30 – es ist das für einen Fußball perfekte Alter, weil man zum einen über etwa zehn Profi-Jahre Erfahrung gesammelt hat und der Körper noch belastbar ist. Vier Jahre bleiben Bastian Schweinsteiger, um aus einem Weltklassespieler eine Legende zu werden. Eine Legende, wie Lothar Matthäus 1990.